Leserartikel-Blog

Fortgesetzte Überheblichkeit

Wenn die Kommentar- und Reportageseiten zahlreicher deutscher Presseererzeugnisse mit Artikeln über den Gazakrieg aufgefüllt werden, ist ein Tonfall zu beobachten, welcher sich gegen "die" Palästinenser richtet, ohne dass Fakten dabei eine Rolle spielen würden.
Praktisch immer werden dabei Wörter wie "Hass", "radikalislamisch", "Terorristen" bemüht. Hass gibt es in dieser Schreibgewohnheit nur auf Seiten der Palästinenser, "radikalislamisch" soll wohl für sich sprechen und "Terror" wird angeblich ausschliesslich von palästinensischen Gruppierungen begangen.
Israelische Hasskundgebungen gegen Palästinenser gibt es dieser Lesart nach nicht.

(Dabei kann man, seit das Internet existiert, diesbezüglich unglaubliche Hasstiraden lesen, die davon zeugen, welche Herrenvolkattitüde sich in Israel sehr breit gemacht hat)

Der militärisch abgesicherte Staatsterror, den Israel seit Jahrzehnten gegen die Palästinenser richtet, von der Vertreibung Hunderttausender Ende der Vierzigerjahre des letzen Jahrhunderts bis hin zur Einsperrung der 1,5 Millionen Bewohner des Gazastreifens seit dem Abzug der völkerrechtswidrig 39 Jahre lang, von 1967 bis 2006 erfolgten militärischen Besetzung des Gazastreifens und des immer noch andauernden völkerrechtswidrigen Besatzerregime auf der Westbank, in Ostjerusalem und auf den Golanhöhen: All dies ist in diesen Kommentarspalten kaum der Rede wert. Wenn davon geschrieben wird, kommt immer der Begriff "Existenzrecht Israels" ins Spiel. Ich habe noch nirgendwo den Begriff "Existenzrecht der Palästiennser" gelesen.
Weshalb viele Palästinenser in Jordanien, im Libanon, in den Golfstaaten, auch in Gaza leben, wird seit Jahrzehnten verschwiegen. Sie leben dort aber nicht freiwllig. Seit Generationen müssen sie vielmehr die Erfahrung machen, dass ihr Rechtsstatus sowohl vom Westen als auch von den Erdölverbündeten des Westens als inexistent behandelt wird.

Gegen solche Rechtsverhinderungskumpanei haben sich immer wieder palästinensische Widerstandgruppen formiert. Diesen Widerstandsgruppen wurde sofort der Totmacherbegriff "Terrorismus" angehängt. Das offizielle Israel selber hat sich dabei einer verräterischen Sprache bedient: Man spricht dort bis heute kaum von "Palästinensern", sondern kurzerhand von "Arabern". "Palästinenser" als Begriff hat dieselbe Qualität wie beispielsweise "Schweizer" oder "Schweden". Keinem Kommentator würde einfallen, von "Schweizern" oder "Schweden" als "die Weissen" oder "die Europäer" zu schreiben. Palästinenser aber sollen keinen Bezug zu ihrem Land, ihrer Geschichte, ihren Städten, Dörfern, ihren Olivenhainen und so weiter herstellen dürfen, denn sie sind ja alles Araber, welche ansonsten genug Platz hätten, sich irgendwo anzusiedeln. Israel spricht ihnen seit 1967 das Recht ab, sich staatlich zu organisieren.
Gerade diese Art von semantischer Ausschliessungs- und Vereinfachungshandhabe verrät bei genauerem Hinsehen, weshalb Israel seine eigene Geschichte schönredet:

Israel will seine Grenzen entgegen völkerrechtlich verbindlicher Akte ausweiten (Die "Siedlungen" sprechen diesbezüglich eine klare Sprache). Begründet wird diese Eroberungstaktik mit den Begriffen "Sicherheit" und "Existenzrecht". Dabei geht es Israel aber eigentlich ausschliesslich um mehr Land. Hintergrund ist die zionistische Idee, alle Juden in einem Staat zu versammeln. Eine Idee, welche zeitgebunden am Ende des 19. Jahrunderts von Herzl und anderen inauguriert wurde, um dem Antisemitismus, der damals nicht nur in Österreich (Luegers Christlichsoziale) oder Deutschland (Wilhelm II. und sein Hofprediger usw.), sondern auch in Frankreich (Affäre Dreyfuss), auch in Grossbritannien, vom russischen Zarenreich zu schweigen als politischer Furor herumraste, eine eigenständige jüdische Staatlichkeit gegenüber zu stellen.
Ohne die Vernichtung der europäischen Juden wäre Israel kaum das, was es heute ist.
Das ungeheuerliche Verbrechen der Deutschen und ihrer Kollaborateure überall in Europa an den jüdischen Menschen, die Ermordung von über 6 Millionen jüdischen Menschen, hat den Staat Israel mitbegründet. Und bis heute gilt:
Es sind die europäischen Nachfolgestaaten der verbrecherischen Regimes der Nationalsozialisten und deren Kollaborateure, und es sind die USA, welche aus moralischen Gründen die Existenz des Staates Israel garantieren müssen.

Die Palästinenser haben an diesen Verbrechen aber übehaupt nicht teilgenommen. Die wenigen von den Nazis instrumentalisierten palästinensischen "Stimmen" in ihrer Mörderkoalition haben für den Vollzug des Verbrechens keinerlei Bedeutung gehabt, das Vichy-Regime oder die ukrainischen Mordgesellen, die ungarischen Pfeilkreuzler oder, besonders übel, die katholischen Ustaschaschergen in Kroatien, die katholische slowakische Diktatur und gewisse baltische Kreise aber sehr wohl.

Seit 20 Jahren sind die europäischen Verhältnisse so, dass überall in den Nachfolgestaaten der Verbrecherregimes die sowjetische Bevormundung und Unterdückung zu Ende gegangen ist. Die "Nachkriegszeit", wenn man so will, die "Sühnezeit" ist beendet worden. In Ungarn, in der Ukraine, teilweise auch in Polen darf sich der Antisemitismus wieder Resonanz verschaffen, ohne dass darüber eine öffentliche Diskussion etwa in EU-Gremien stattfinden würde.

Die Palästinenser aber werden seit über 60 Jahren in einem Status von Rechtlosigkeit, in der Willkür des israelischen Militärs eine grosse Rolle spielt, eingesperrt.
Längst ist das Existenzrecht Israls gesichert. Israel hat die viertgrösste Armee aller Staaten, besitzt Atomwaffen, setzt immer sofort Krieg als Mittel der Aufrechterhaltung völkerrechtswidriger Verhältnisse ein und propagiert unverdrossen und unbeeindruckt von den eigenen Rechtsbrüchen, welche Opfer schaffen, nicht Partner, dass die Palästinenser von Hass gegen Israel und von "Antisemitismus" geprägt seien.
Man kommt nicht umhin festzuhalten, dass die Palästinenser indirekt seit Jahrzehnten Opfer des schlechten Gewissens des Westens sind, in dessen jüngerer Vergangenheit ein Vökermord geschah, der seinesgleichen in der Weltgeschichte nicht kennt.

Es zeugt meiner Ansicht nach von uneinsichtiger Überheblchkeit, wenn die deutsche Bundeskanzlerin das Töten hunderter Zivilisten im Gazastreifen durch die israelische Armee dadurch rechtfertigt, dass Israel sich gegen die Raketenangriffe der Hamas wehren dürfe. Überheblich ist die Igoranz, welche sich dadurch ausdrückt, dass Frau Merkel die Geschichte der Unterdrückung der einfachsten Menschenrechte durch Israel vis-à-vis der Palästinenser einfach übergeht. Nach dem deutschen Verbrechen an den Juden macht es Frau Merkle nichts aus, dass wegen dieses Verbrechens Millionen Menschen, die damit nichts zu tun gehabt haben, auch nicht deren Eltern oder Grosseltern, die Folgen der Schuld zu erdulden haben, welche eigentlich hier zu Lande getragen werden müssten.

Mit diesen Äusserungen rechtfertige ich keine Gewalttat von palästinensischer Seite.
Allerdings will ich darauf hinweisen, welch groteskes Missverhältnis zwischen der Anzahl der getöteten israelischen Bürger und jener der getöteten, seit Jahrzehnten im Zustand ziviler Rechtlosigkeit gehaltenen Palästinenser besteht.

Die Zahl der Toten auf israelischer Seite ist massiv geringer als die Zahl der Toten, welche Opfer eines einzigen israelischen Artiellerieangriffs auf eine UN-Schule wurden. Dieser Angriff israelischer Truppen lässt über 35 getötete Kinder und junge Erwachsene, Eltern von Kindern usw, zurück, welche im übrigen am Tag zuvor von derselben Armee zur Evakuation in eben dieses Schulgebäude gezwungen worden sind.
Das sei hinnehmbar?

Nein, es ist nicht hinnehmbar.
Indem die im Nahen Osten herumreisenden Politiker des Westens (abgesehen von Sarkozy) ständig verschweigen, welch massive Menschenrechtsverletzungen sich Israel gegenüber den Palästinensern erlaubt, betreibt dieser Westen eine fortgesetzte Überheblichkeit gegenüber hilflosen Menschen in Gaza und anderswo in der Region. Das erscheint mir in den Kategorien politischer Moral als unmoralisch.