Leserartikel-Blog

Häme als journalistisches Prinzip

Am Beispiel der Krise, in welche die SPD seit Jahren tiefer und tiefer hineinschliddert, lässt sich in den deutschen Medien eine Entwicklung beobachten, welche mit dem Begriff Häme wohl mehr als nur zufällig zu tun hat.Im Gegensatz zur CDU, wo solcherlei zwar auch, aber weniger genuin stattfindet,  ist die SPD eine Partei, in der es seit über 100 Jahren immer wieder öffentlich ausgetragene Auseinandersetzungen über politische Inhalte, über Rechtsfragen, über das, was man "Führungspersonal" nennt, gegeben hat. Persönlichkeiten wie Lassalle, Mehring, Kautsky, Bernstein, Bebel, Rosa Luxemburg, Liebknecht, Haas, Scheidemann, Ebert, Noske, Hilferding, Breitscheid, Müller, Wels, Schumacher, Schmid, Wehner, Brandt, Schmidt, Lafontaine, Schröder oder Müntefering und vieler andere ergeben, was ihre Wirksamkeit, ihre politische Grundhaltung, die von ihnen verfolgten Zielsetzungen betrifft, ein Kaleidoskop der Entwicklung - samt Abstürzen, Krisen, dem NS-Staat und dem sogenannten Wiederaufbau -  von Demokratie, Rechts- und Sozialstaat  in Deutschland seit der Regierungszeit von Bismarck, aber keineswegs das Bild einer ständig homogenen Führungselite. Daraus kann man schliessen, dass die deutsche Sozialdemokratie wesentlich geprägt wurde und nach wie vor geprägt wird durch sogenannte "interne" Auseinandersetzungen. Streit gehört in die lange Geschichte dieser Partei genau so wie eine gewisse Grundlinie ihres schliesslichen Politisierens, welche  die Achtung der Würde jedes Menschen, Rechtsstaatlichkeit des Staates, Streben nach Gerechtigkeit in der Gesellschaft in sozialer und ökonomischer Hinsicht umfasst. Festzustellen ist auch eine gewisse Internationalität, welche zwar immer wieder pragmatische Züge aufweist, aber nie Krieg als Mittel politischer Durchsetzung akzeptiert hat, sieht man von der Zustimmung der Mehrheit der Reichstagsfraktion zu den Rüstungskrediten vor dem Ersten Weltkrieg ab. In der Folge jener Zustimmung kam es, wie man wissen kann, wenn man sich etwas mit Parteiengeschichte beschäftigt, zur Abspaltung der USPD unter Haas, Luxemburg, Liebknecht und anderen durchaus wichtigen Exponenten der SPD von 1914.Öffentlich ausgetragene Auseinandersetzungen um Programmatik und um konkretes politisches Handeln haben in der SPD immer eine wichtige  Rolle gespielt. Ohne zu überzeichnen kann man, wenn man nicht in kleinlichem politischen Hickhack eingespannt ist, feststellen, dass Streit eine typische SPD-Angelegenheit ist. Ich vermute, dass viele politisch Interessierte nicht zuletzt wegen der Chance, anstatt Gläubigkeit gegenüber irgendwelchen Führern  oder halbreligiöse Unterwerfung unter so etwas wie "Parteidisziplin" üben zu müssen frei um Inhalte diskutieren zu können, Mitglied dieser Partei geworden sind. Natürlich war die SPD ursprünglich die Arbeiterpartei in Deutschland. Aber stammten Lassalle, Marx, Engels aus der Arbeiterklasse? War der Marxbiograf Mehring oder waren Kautsky und Bernstein, Lévi, Hilferding, Carlo Schmid  oder Helmut Schmidt Arbeiterkinder? Innerhalb der SPD spielten kritische Köpfe aus dem Bürgertum immer eine wichtige Rolle, nicht zuletzt als Programmgestalter.  Bürgerliche Bildungsideale beherrschten das einst grosse Bildungswerk der Sozialdemokratie seit Beginn ihres Bestehens. Bürgerlich selbstredend im Sinn des französischen   Citoyen verstanden, nicht im Sinn einer kleinen Schicht unsolidarisch sich in der deutschen Gesellschaft  bewegender Egomanen, in dem heute die neoliberale Einstimmigkeit deutscher Medien diesen Begriff gebraucht.Wenn man sich die Mühe macht, die Krisen der SPD etwas genauer zu bedenken, stellt man  fest, dass diese immer wieder mit gesamtgesellschaftlichen Krisensituationen in Deutschland korrespondierten.Einerseits der mehr oder weniger offensichtliche Rückzug der SPD nach Preussen während der Weimarer Republik, anderseits die Entspannungspolitik Willi Brandts und Egon Bahrs deuten auf zwei über die Zeit ihres Bestehens  deutlich feststellbare Strömungen innerhalb der SPD hin: Da existiert einmal das  Aufgeben nicht realisierbar erscheinenden Zielsetzungen mit anschliessendem  Rückzug hin zu  Realisierbarem auf niedrigerer staatlichen Ebene (zum Beispiel auf jene der Oberbürgermeister während der Zeit der CDU-Regierungen unter Adenauer). Auf der anderen Seite kann man  immer wieder überraschend festes Handeln in politischen Krisen des Gesamtstaates feststellen, welches von Sozialdemokraten eingeleitet wurde: Die Einberufung der Nationalversammlung nach Weimar, die Mitarbeit am Aufbau der deutschen Bundesländer nach 1945, die Überwindung der starren Fronten, welche der Kalte Krieg in Europa installiert hatte, durch die pragmatische, unideologische Entspannungspolitik, schliesslich auch das sicherlich nicht fehlerfreie Hartz IV- Projekt. Auffallend ist, dass es in der neueren deutschen Geschichte meistens Sozialdemokraten waren, die überfällige Reformschritte, welche Politik einzuleiten hat, in die politische Entscheidung führten (das gilt gerade auch, was oft übersehen wird, für die Erarbeitung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, also für die Erarbeitung der Grundlage des heutigen deutschen Staates).Feststellbar ist auch, dass es der SPD immer wieder gelungen ist, interne Krisen zu überwinden. Klassisches Beispiel dafür ist das Godesberger Programm. Dieser Programmreform gingen jahrelange, durchaus öffentlich ausgetragene Streitereien voraus.Im Verlauf der letzten beiden Jahrzehnte hat sich die Medienlandschaft sowohl global als  auch in Deutschland massiv verändert. Sowohl die Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung als auch die Nachrichtenfülle haben sich innerhalb kürzester Zeit mehrfach potenziert. Dieses Phänomen hat natürlich auch auf jenen Aspekt des Nachrichtenwesens, welcher Politik in allen Facetten behandelt, grossen Einfluss. Die Medien stehen unter einem massiven ökonomischen Druck. "Pressefreiheit" umfasst nicht mehr bloss die Freiheit des Wortes, die Freiheit der Kritik, die Freiheit der Berichterstattung und den Streit über politische Ideologien, sondern auch jene kaum problematisierte "Freiheit" vor der Rendite oder der Einschaltquote. Anders gesagt: Gefahr für die Pressefreiheit droht heute nicht nur von staatsautokratischer Seite oder von PR-Institutionen der Regierenden oder global vernetzten Werbeunternehmen, sondern auch von Renditevorgaben privater Medieninvestoren. Das Beispiel "Berliner Zeitung" oder im Bereich des Fernsehens das Beispiel von SAT1  sind unübersehbare Paradigmen dieser Bedrohung. Der neoliberalen Ideolgie hörige Investoren mit ihrem unbedingten Glauben an pro Quartal zu erreichende Renditen von 15 bis 25 %  interessieren sich kaum für Nachrichtenübermittlungsqualität. Die Erfüllung ihrer Rediteerwartungen bedingt Einsparungen beim Redaktionspersonal, bedingt Verkürzung der Recherche, bedingt Anpassung der Darstellung, des Stils an leichtfüssige Unterhaltung und so weiter. Man nennt diese Entwicklung unter anderem in einem Schlagwort "Boulevardvisierung".Vor allem die Boulevardisierung  bedroht heute die politische Kultur in Deutschland.Bezogen auf die Beschreibung der gegenwärtigen Krise der SPD in der veröffentlichten Meinung kann man feststellen, dass das Führungspersonal dieser Partei seit einigen Jahren in vielen Medien mit Häme überzogen wird. Vor allem der eben zurückgetretene SPD-Vorsitzende Beck wurde als Provinzler ohne Können und ohne Fortune hingestellt, und zwar in einem Ausmass, welches berechtigte und notwendige Kritik an einigen seiner politischen Vorstösse schlicht vergessen liess und ihn als Person lächerlich machte. Die SPD wird von denselben Mainstreamproduzenten als "führungsunfähig", als "zersplitterter Verein voller Egomanen", als "unzuverlässig" und so weiter hingestellt. Unter Häme verstehe ich beispielsweise folgendes Satzgebilde:"Die Altvorderen, die tapfer gegen Ganz-Rechts (NSDAP) und Ganz-Links (KPD) gekämpft haben, würden sich vor allem über die Sprachlosigkeit grämen. Wenn die SPD überhaupt gegen die Linke antritt, dann nicht mit Argumenten, sondern Anwürfen – so wie kleine Kinder im Du-bist-doof-Duell: Umstürzler, Stasi-Schurken…Ein anderer Teil der SPD will sich gar mit ihrem schlimmsten Feind ins Bett legen, wie Andrea Y., die in ihrer Wahrheitsliebe nur noch von Pinocchio übertroffen wird. Dass Anschreien, Anwanzen und Abkupfern so gut funktionieren wie ein Windrad im Wohnzimmer, belegt der tägliche Niedergang in den Umfragen. Nur noch sechs Prozent trauen der SPD politische Kompetenz zu.“C‘est le ton, qui fait la musique. Der Mitherausgeber der ZEIT, Joffe, macht es sich einfach, indem er behauptet, dass „die“ SPD keine inhaltliche Auseinandersetzung mit Lafontaine oder der Linken führe. Eine Feststellung, die schlicht unwahr ist. Aber sie vermittelt die Absicht, dass sich der Autor über die SPD, welche in vielerlei Zielen eine andere Politik als Bush, als Israel, als gewisse „Investoren“, denen Müntefering „Heuschreckenmentalität" vorgeworfen hat usw. vorschlägt , kurz andere als die  politischen Vorstellungen des Autors realisieren möchte, lustig zu machen. Dass Frau Ypsilanti seit Pinochhio die grösste Lügnerin sei, unterstellt nicht , dass die Leser wissen, was damit gemeint ist - Tragisches oder das absolut Böse sind es ja nicht, welche Pinochhios Nase wachsen lassen, sondern  kleine Alltagsügen - aber die von ihm vermutlich vorausgesetzte Unkenntnis dieser Geschichte unter der Mehrheit der Leser seines Kommentars  dürfte gerade der Grund sein,  weshalb Joffe sie antönt. Sein Ziel ist es, die Frau „Y.“, wie er sie bezeichnet, lächerlich zu machen. Also greift er zur Häme, deren sprachliche Gestaltung er wohl elegant findet, um mitzuhelfen, sie  ins politische Nichts zu befördern. Dass Frau Ypsilanti sich mit Mehrheitsverhältnissen herumschlagen muss, welche durch Wahlen zustande gekommen sind, deren Ergebnis vor allem Herr Koch verursacht hat, erwähnt Joffe selbstredend nicht.Dafür: Anschreien, Abwanzen, Abkupfern.Was bedeuten diese drei Wörter? Eigentlich bedeuten sie im Zusammenhang mit Frau Ypsilanti und ihrem sehr offenen und öffentlichen, die Parteimitgliedschaft einbeziehenden  Vorgehen um eine Koalitionsbildung in Hessen gar nichts. Aber Joffe schreibt sie hin, weil er damit unterschwelig mitteilen kann, Leute würden abgehört (Abwanzen, wer hört denn da wen ab?), man schreie sich an (Wer?) und man kupfere ab (wer bei wem?)Joffe produziert Häme. Sie richtet sich im Augenblick gegen die SPD. Aber eigentlich richtet sie sich gegen alle, die seiner unkritischen Nachbeterei neokonservativer Glaubenssätze über die real mindestens autokratisch bestimmte  Weltmachtrolle der USA unter Bush, seiner sehr einseitigen Sicht in den Nahen Osten, seiner oberflächlich vorgetragene neoliberale Ideologie in Sachen Staat und Wirtschaft kritisch gegenüberstehen.Häme mag bei Gleichgesinnten begeisternde Zustimmung erreichen. Wenn sie zum haptsächlichen Prinzip journalistischer Arbeit erhoben wird respektive die Recherche, auch die Genauigkeit, die man von ihr erwarten sollte, verdrängt, wird sie zur Gefahr für den demokratisch verfassten Rechtsstat. Denn sie untergräbt die Würde der politisch Handelnden. Joffe und viele andere (zum Beispiel Broder)  in der deutschen Medienlandschaft ersetzen, bewusst oder unbewusst, das kann ich nicht beurteilen, die Verantwortung im Umgang mit ihren Texten, welche die Freiheit des Wortes, die Freiheit der Kritik, die Freiheit der Berichterstattung von Journalisten und Medienmitarbeitern verlangt, durch hämischen Klamauk. Was daraus werden kann, wenn sich dagegen niemand mehr zur Wehr setzt, zeigt das Beispiel der Hugenbergpresse am Ende der Weimarer Republik.