Leserartikel-Blog

Lieber Diskurs als Kanon

Das Problem mit einem Kanon besteht darin, dass er "bestimmt" werden muss. Wer bestimmt ihn ? In unseren Breitengraden dürfte ein Bildungskanon fürchterlich verpolitisert werden, und zwar bis zur Unkentlichkeit grad auch noch parteipolitisch gefärbt. Damit will ich sagen: Die heute ablaufenden Entscheidungswege in der Bildungspolitik sind derart von oberflächlichem Gerede durchzogen, dass die ganze Anstrengung der Diskussion um einen Bildungskatalog bloss dazu führt, dass es keinen allgemein verständlichen, geschweige denn einen begründeten allgemein verbindlichen Bildungskatalog geben wird.Was nun aber nicht bedeutet, dass es keinen Bildungskatalog geben müsste.  Besser gesagt: Es ist sehr wohl notwendig, dass über Bildungsinhalte - und ein Bildungskatalog bräuchte definierte Bildungsinhalte - ständig und auch sehr weitgefächert diskutiert werden müsste. Ich schreibe allerdings im Konjunktiv: Müsste.Das Wissen der Welt ist allerdings nicht einfach zu "fassen". Mediengerechte Fassungen mögen ja einer intellektuellen Konformität entsprechen, weil sie dazu einladen, dass man mitreden kann. Aber sie sind nicht Inhalt, sondern Beschreibung von Inhalt. Und hier liegt meiner Ansicht nach des allgemeinen Bildungskataloges Problemkern begraben: Ich vermute, dass ein sogenannter Bildungskatalog heute von utilitaristischem Mief schlicht zugedeckt würde. Wenn ich all die Ratings sowie die angeblich objektiv gefassten Wissensstränge betrachte oder bedenke, welche eine absolut unübersehbare Masse an Studien, Forschungsberichten, Versuchsanordnungen und mehr oder weniger abgesicherten  Exploationen am laufenden Band produzieren, weiss ich: Es fehlt das verbürgte Wissen als Inhalt. Es fehlt die Übersicht, was den Anreiz schaffen würde, sich daran zu bilden. Alles scheint inzwischen irgendwie "nützlich" zu sein.  Bis es dann nicht mehr nützlich ist, nicht mehr gebraucht wird, weil man Professor geworden ist oder Forschungsleiter oder sonst irgend eine wichtige Persönlichkeit im Bildungssektor des sogenannten Fortschritts.Wer würde, um die eingangs gestellte Feststellung in einer Frage zu konkretisieren, einen Bildungskatalog definieren ? Wer würde den definierten Katalog durchsetzen ? An wem würde er denn durchgesetzt werden müssen?Nachdem der berühmnte humanistische Bildungskatalog den Europäern nebst einer Welteroberungskaskade sondergleichen so Unübersehbares wie den Nationalismus, den  Holocoust,  den Gulag usw. und neuerdings die humanitäre Katastrophe der Bush-Administration jeweils mitsamt deren propagandabereiten "freien Presse" eingebracht hat, sollte man meines Erachtens Katalogwirkungen vorsichtig beurteilen. Selbstredend hat die europäisch-nordamerikansiche Bildungswelt viele Aspekte für ein lebenswertes individuelles und soziales Dasein gefunden. Nur: Kein Katalog verhinderte die oben kurz gestreiften Menschheitskatastrophen. Insofern: Lieber einen ständigen kritischen Diskurs über Bildungsinmhalte führen als Glaubenskriege um einen Katalog beschriebener Idealisierungen inszenieren.