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Tocotronic: Es ist egal, aber

Der Feind war klar. Das hatten sie mir alle hunderfach erklärt. Es ging immer gegen die scheiss Spiesser, die scheiss Bullen, die scheiss Politiker, und am allerliebsten gegen die scheiss Faschos. Es war das scheiss System eben. Davon war das Leben als teenage punk erfüllt, neben dem obligatorischen gröhlenderweise-auf-der-Strasse-mit einem-Kassettenrekorder-abhängen. Den Soundtrack dazu lieferten Slime, Toxoplasma und die schlimmen musikalischen Verbrechen, die man als Deutschpunk so hörte und mitsang. Es war die klicheegewordene Subkultur. Nur wusste ich das Mitte bis Ende der 90er halt einfach nicht.
Und dann kam 1999. (Ich war schon immer etwas später dran)
Ich war grade zu einem überbetrieblichen Lehrgang meiner Ausbildung als Maler und Lackierer (weil working class und so), als im Radio "Let there be Rock" von Tocotronic lief. Und aus irgendeinem Grund fühlte es sich ziemlich gut an. Also beschloss ich noch am selben Tag in die Innenstadt zu fahren, und mir die Platte zu kaufen. Wie es sich allerdings aus dem Titel dieses Textes erahnen lässt, griff ich nicht zur K.O.O.K, auf der ja nunmal "Let there be Rock" ist, sondern zur zwei Jahre zuvor erschienenen"Es ist egal, aber". Und damit wurde die musikalische Umorientierung beschlossen. Wie sollte man sich auch dagegen wehren, wenn es diese Band schafft, all das worum es ging, in acht Worten zu sagen:
Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen.
In diesen acht Wörtern steckte so unglaublich viel mehr drin, als alle auswendig aufgesagten Deutschpunklieder jemals innehaben konnten. Und wurden dann zum Programm Deutschpunk gegenüber.
Wozu brauchte man da noch die sich immer wieder wiederholdenden Deutschpunkattitüden?! (Nach wie vielen Songs gegen Nazis wird es einer Band eigentlich langweilig?)
Diese Platte wurde für mich das, was für Dirk von Lowtzow der Pullunder seines Feindes war, für den er auch erst da bereit war.
Und die bis dahin bereits erschienenen Tocotronicalben wurden innerhalb weniger Wochen nachgekauft.
Mit diesem Zeitpunkt war der deutsche Punk für mich erledigt. Musikalisch wie thematisch. Es ging auch anders. Der Pinsel wurde nach der Ausbildung neben den Gesellenbrief in den Keller gelegt, und nicht mehr hervorgekramt. Es folgte das Abitur im zweiten Bildungsweg und das Studium. Und die vielen Deutschpunktonträger, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten, wurden verkauft. Musikalisch ging es auf die neue Sinn- und Identitätssuche. Wer ist eigentlich dieser Mark E. Smith? Und Sonic Youth liessen auch nicht lange auf sich warten.
Die zehn Loch Docs wurden weggeschmissen, die Hosen mussten keine Löcher mehr haben. Und naja, ich geb es ja zu: Das Slime T-Shirt wurde gegen die Trainingjacke eingetauscht. Aber: es ist egal, oder?!

Zu den neuesten Kommentaren
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Leser-Kommentare

13.11.2008 um 21.56 Uhr
Hugo_P
1. Bin höxtwahrscheinlich ne Spur älter wie

...und hab kein Slime-T-Shirt oder eines von Toxoplasma.... (welche mit diversen anderen Bands hörbare Mugge von hier ist), aaaber; Tocotronic ist einfach nur Lulli-Musik!!!! Is ja schön, das du deine "Punk-Phase" hattest; es ist meines Erachtens kein Gütesiegel von irgendeinem beschränktem Deutschpunklevel auf die Hamburger Schule umzuschwenken. Dafür gibts auch weltweit gesehen mehr als genug (auch alte und auch deutsche) Bands, welche nicht *gähhhn* sind.
Mehr nur auf Nachfrage; mich hier in dem Forum am Punk abzuarbeiten is ja wie Perlen für die Säue ;)... .
Mal am Rande; was studierst du?

13.11.2008 um 23.40 Uhr
2. Loslösung von Punk

Sehr schöner Text, der zeigt, dass die Loslösung von Punk ein notwendiger Schritt ist, um Punk (als Haltung) zu bleiben. Der ja bekanntlich ab da tot war, als er sich in Schemata wiederholte. Auch wenn ich mit Tocotronic nicht viel anfangen kann, zeigt der Text doch, dass sie was bewegen konnten/können. Mindestens ein Leben. Nach deinem Text, lieber 328123634, werde ich Trainingsjacken wieder etwas aufgeschlossener gegenüber stehen. Danke.

wahrensfeld @ http://zu-zeiten.blogspot...

13.11.2008 um 23.43 Uhr
3. Mugge

Oh Gott: "Mugge". Von Mugge kriege ich Ohrenausschlag.

wahrensfeld @ http://zu-zeiten.blogspot...

14.11.2008 um 00.25 Uhr
4. trainingsjacken

guter artikel!

ich finde trainingsjacken ebenfalls bedenklich, aber in diesem artikel wird das tragen dieser kleidungsstücke sehr schlüssig befürwortet. und sowas hört man viel zu wenig heutzutage, schlüssige argumentationen mein' ich.

ach: und keine pauschale ablehnung von punkmusik mit deutschen texten, bidde! schließlich gibt/gab es immer noch razzia und oma hans/dackelblut usw.

das wollte ich nur mal kurz loswerden.

14.11.2008 um 00.33 Uhr
5. Haaaaach, schön

Die Hamburger Schule. Sie ist toll, so einfach und doch so tiefgründig. Schön, dass das noch jemand erkennt... Hast Du gewußt, dass Arne Zank ein Eigenprojekt gestartet hat? Solltest da auch mal reinhören!

14.11.2008 um 01.12 Uhr
iDog
6. cool mann

gelungener text und ersters versatzstueck einer hoffentliche wachsenden biographie aus taeumen von der feiheit .

du weisst ja : nur jenseits der ideologie lockt die wilde freiheit - aber nichts zu frueh verraten - und ach wie gut da niemand weiss , dass ich rumpelstielzchen heiss - mimikrie ist manchmal die beste art sich selbst zu beobachten....

14.11.2008 um 01.53 Uhr
7. Tocower?

Nie gehört. Aber bin ja auch Münchner.

14.11.2008 um 04.08 Uhr
8. Sterne

Schöner Text. Bei mir haben in ähnlicher Weise Die Sterne eingeschlagen, mit Tocotronic kann ich nicht viel anfangen, zu eintönig. Die KooK hab ich mir zwei mal angehört, seitdem verstaubt sie bei meinen alten Vinylplatten. Liegt vielleicht auch daran, dass mein Plattenspieler seit Jahren kaputt ist. Wäre ein Grund endlich eine neue Nadel zu kaufen.

14.11.2008 um 16.30 Uhr
—Crusader (nicht überprüft)
9. Dagegen ist

Peter Alexander unsterblich.

14.11.2008 um 20.47 Uhr
10. Ich

hoffe, ich bekomme jetzt nicht den Stempel des typischen tocotronischen Hamburger Schule-Fans. Das bin ich nicht und das war ich auch nie.
Und stropharia aeruginosa, ich würde nie sämtliche deutschsprachige Punkbands in einen Topf werfen. Auch wenn es in dem Text nicht rauskam, aber die Slime und Razzia-LP´s habe ich nicht verkauft. Die befinden sich immer noch in meinem Plattenregal. Es ist halt so, wie wahrensfeld sagte, man muss sich vom punk, ich erweiter das mal, als Stil lossagen, um Punk als Haltung zu bleiben. Und das ist etwas anderes, als die "bullen weg"-Plattheiten.
Danke für die Kommentare.

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