Fachschulen bilden gute Erzieher aus

Zu: "Die Kita-Lüge", ZEIT Nr. 28

Jeannette Otto beleuchtet wichtige Probleme der derzeitigen Entwicklungen der Professionalisierung von Fachkräften und der Realisierung von Qualitätsstandards in frühpädagogischen Einrichtungen in Deutschland, denen ich an vielen Stellen zustimme.

Sie erwähnt die fachschulische Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern nur am Rande und es entsteht der Eindruck, dass – etwas verkürzt ausgedrückt – Fachschulen schlechte Schüler/innen zu schlecht ausgebildeten Erzieher/innen ausbilden. Dem möchte ich entschieden widersprechen.

Im europäischen Ausland wird in den meisten Fällen nach einem erfolgreichen Besuch einer oder mehrerer Vollzeitschulen nach 12 Jahren die Hochschulzugangsberechtigung erworben, d.h. der weitere Bildungsweg erfolgt an Hochschulen.

Das deutsche Berufsbildungssystem ist mit anderen Ländern in Europa also strukturell nicht vergleichbar. Im europäischen Ausland finden sich sehr viel mehr praxisorientierte Studiengänge an Hochschulen, die in vielen Punkten mit Ausbildungen an berufsbildenden Schulen in Deutschland vergleichbar sind. Dieses ist gerade im Blick auf die fachschulische Ausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher zu berücksichtigen. Die Lehrkräfte verfügen über einen akademischen Abschluss in den Studienbereichen Sozialpädagogik, Pädagogik, Erziehungswissenschaften oder Psychologie, sie haben Berufserfahrung in der sozialpädagogischen Arbeit mit Kindern bzw. Jugendlichen.

Ich bin als Abteilungsleiterin an einer Fachschule Sozialpädagogik in Niedersachsen tätig. Hier ist die Ausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher vierjährig und in zwei Stufen gegliedert. Die Eingangsvoraussetzung ist ein Realschulabschluss.

Die berufliche Ausbildung wird in enger Kooperation mit geeigneten Praxiseinrichtungen durchgeführt. Nach zwei Jahren erfolgt eine Prüfung und ein erster Berufsabschluss als staatlich geprüfte Sozialassistentin. Nur diejenigen, die mindestens befriedigende Leistungen in Deutsch und in den Fächern des berufsbezogenen Lernbereichs erlangen, können anschließend in die zweijährige Fachschule Sozialpädagogik aufgenommen werden. Nach einer Abschlussprüfung wird die staatliche Anerkennung als Erzieherin/Erzieher und die Fachhochschulreife erworben.

In Schleswig-Holstein ist schon seit mehreren Jahren die Fachhochschulreife die notwendige Eingangsvoraussetzung für die Aufnahme einer Ausbildung als Erzieherin.

In vielen Bundesländern hat es in den letzten zehn Jahren nachhaltige
Reformbestrebungen gegeben, die zu einer deutlichen Anhebung des Niveaus und zu einer Integration von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Frühpädagogik in die Ausbildungspläne geführt haben. Darüber hinaus wurde die Vernetzung der Lernorte Praxis und Schule weiterentwickelt und an vielen Fachschulen eine Profilbildung im Arbeitsfeld Elementarpädagogik ermöglicht.

Situiertes, projektorientiertes Lernen und gezielte Anregungen zur
Persönlichkeitsentwicklung waren schon immer Stärken der Fachschulen/Fachakademien für Sozialpädagogik. Darüber hinaus hat in den letzten Jahren eine Hinwendung zum selbstorganisierten und kooperativen Lernen stattgefunden, die an der Ausbildung von beruflichen Handlungskompetenzen orientiert ist.

Natürlich hat Frau Otto Recht, wenn sie einen bundesweit einheitlichen Qualifikationsrahmen einfordert. Die derzeitigen Professionalisierungsbestrebungen benötigen ein gemeinsames Bildungsverständnis und eine Verständigung über Inhalte, Ziele und Ausbildungsstrukturen.

In der Diskussion darf dabei meiner Ansicht nach nicht eine wesentliche sozialpädagogische Leitlinie für die Arbeit aus dem Blick verloren werden:
Das Verständnis, dass „Bildung, Erziehung und Betreuung“ drei gleichberechtigte Aufgaben zur „Förderung der Entwicklung des Kindes zur eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ (§1 KJHG) sind.

Der Bildungsauftrag der Kindertagesstätten in Deutschland lautet, dass “die Bildungsprozesse der Kinder durch Erziehung zu beantworten und herauszufordern und durch Betreuung zu sichern (sind).“ (Laewen u.a. 2002, S. 92). Dieses Bildungsverständnis wurde in der OECD-Studie von 2006 positiv hervorgehoben; der vorschulische Bereich des deutschen Bildungssystems wurde also in diesem Punkt nicht kritisiert.

Die einseitige Vergleichsgrundlage (Ausbildung von Fachkräften auf Hochschulebene = bessere Qualität) muss überwunden werden. In England, Frankreich und Schweden ist es z.B. so, dass es zwar akademisch ausgebildetes Personal in den Kindertageseinrichtungen gibt, die pädagogische Arbeit aber zu einem Teil von Arbeitskräften getragen wird, die in ihrer Professionalität unter der Ausbildung von Sozialassistent/innen bzw. Kinderpflegerinnen (Zweitkräfte in deutschen Kindertageseinrichtungen) in Deutschland angesiedelt sind. Konkret heißt das, dass die Standards dort zum Teil unter denen bei uns liegen. Unser Kindertagesstättengesetz verbietet die Beschäftigung von un- oder angelernten Mitarbeiter/innen in der pädagogischen Arbeit. So wird flächendeckend ein Qualitätsstandard gesichert.

Im Rahmen eines Schulversuchs in Niedersachsen wird die Ausbildung an der Fachschule Sozialpädagogik an die Modulstruktur von Studiengängen angelehnt um eine bessere Anschlussfähigkeit in ein Studium zu ermöglichen. Dabei soll die besondere Qualität der fachschulischen Ausbildung erhalten bleiben und gleichzeitig die Möglichkeit für die akademische Weiterqualifizierung eröffnet werden.

Amelie Ruff, Studiendirektorin Alice-Salomon-Schule Hannover

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