Unglücksfall und Chance

Die viel diskutierten Ergebnisse der Grundschulstudie "Element" schienen gegen die sechsjährige Grundschule zu sprechen. Tatsächlich legt die Studie andere Schlüsse nahe.Von Reinhard Kahl

http://www.zeit.de/online/2008/17/element-studie

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23.04.2008 um 22.08 Uhr
sewenz
1. @Synelly (Beitrag # 3) oder: Wissenschaf

Zu Ihren Äußerungen über "die wissenschaftlichen Maßstäbe in der Sozialwissenschaft". 1. Die sind -- gerade im Feld der Bildungsforschung -- genau die gleichen. Deshalb wird auch so schnell eingegriffen, wenn jemand glaubt, diese Maßstäbe seien verletzt worden. (Siehe den einführenden Paragraphen dieses Artikels über Olaf Köller.) 2. Den arroganten Verweis auf peer-review Verfahren können Sie sich sparen. Natürlich hat jedes ernstzunehmende Journal in den Sozialwissenschaften ein peer-review. Hier geht es um eine Studie, die vom Land Berlin in Autrag gegeben wurde -- offenbar nicht an den besten aller Bildungsforscher. Das kommt leider vor.Zu den besonderen Problemen der Sozialwissenschaften auf dem Weg zu Erkenntnis:Ganz allgemein funktioniert Sozialwissenschaften so: Theorien über die Welt werden aufgestellt (deduktive und induktive Prozesse wirken hier zusammen) und dann getestet. Die Naturwissenschaften machen -- optimalerweise -- nichts anderes. Sie stellen Theorien über die Welt auf und testen diese dann. Dabei steht (vielen) Naturwissenschaftlern (meistens) das Mittel des Experiments zur Verfügung, dass kausale Schlüsse sehr einfach macht. (Damit hat man i.d.R. noch kein vollständiges Theorigebäude getestet.) Genau das, das Experimentieren nämlich, funktioniert mit vielen sozialwissenschaftlichen Theorien und/oder Hypothesen leider nicht. Sie können eben Kinder nicht Schulformen randomisieren (=per Zufall aufteilen). Die Sozialwissenschaften greifen daher -- mehr oder weniger gezwungenermaßen -- auf Beobachtungsdaten zurück, in denen das Treatment (z.B. 4 versus 6 Jahre gemeinsamen Lernens) nicht experimentell, sondern irgendwie anders gesetzt wird (z.B. durch die Entscheidung von PolitikerInnen statt 4 Jahren erst nach sechs Jahren zu trennen; siehe Hamburg). Was das für Probleme mit sich bringt, lesen sie hier (Post in einem etwas älteren Thread): http://kommentare.zeit.de... Korrigieren von Heterogenität und Selbstselektion kann extrem komplex, sprich schwierig werden. Wirklich gute Sozialwissenschaft betreiben ist nicht nur schwieriger als (leider) beinahe jedeR zu wissen glaubt, sie ist strenggenommen auch schwieriger als jede Naturwissenschaft -- in der Komplexitätspyramide ist die Sozialwissenschaft nämlich ganz oben, die Universalsprache Mathematik ganz unten. Das heißt nichts anderes, als dass -- strenggenommen -- jeder Sozialwissenschaftler auch Mathematik und die Naturwissenschaften beherrschen muss. Dies ist natürlich ein theoretisch zurechtgesponnener Optimalfall, den es in der Praxis nicht gibt, weil nicht geben kann -- Menschen kommen irgendwann an Ihre Grenzen.Dass gute Sozialwissenschaft zu selten betrieben wird und es -- genau wie unter Naturwissenschaftlern -- immer schwarze Schafe geben wird, ist leider wahr. Vielleicht lesen sie mal hier nach, was gute Sozialwissenschaftler sich reinfahren, damit sie kausale Inferenz ziehen können:http://www.mii.ucla.edu/causality/http://books.google.com/books?id=wnGU_TsW3BQC&dq=&pg=PP1&ots=7aYE7BK1MP&sig=3pL0zFelM0lBHRqfLPbSShMwX58&prev=http://www.google.com/search%3Fhl%3Den%26sa%3DX%26oi%3Dspell%26resnum%3D0%26ct%3Dresult%26cd%3D1%26q%3Djudea%2Bpearl%2Bcausality%2Bgoogle%26spell%3D1&sa=X&oi=print&ct=title#PPA11,M1http://en.wikipedia.org/wiki/Rubin_Causal_ModelMit anderen Worten: Dass es zu Streit über die Auslegung sozialwissenschaftlicher Studien kommt, rührt von der Komplexität des Gegenstandes und eines gesunden Verständnisses von Wissenschaft her. Ach ja: Mir ist zu Ohren gekommen, dass es auch in den Naturwissenschaften Streitgkeiten über die Auslegung der Ergebnisse von Experimenten gibt. Natürlich, denn auch die meisten Naturwissenschaftler haben einen oft komplexen Gegenstand und ein gesundes Verständnis von Wissenschaft.

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