Frau Merkel und die weltweite Nahrungsmittelkrise
Auch Frau Merkel hat sich jetzt dankenswerterweise auch mal zur Nahrungsmittelkrise geäußert.Sie behauptet, wenn jetzt 300 Mio Inder plötzlich (!) eine zweite Mahlzeit zu sich nähmen und 100 Mio Chinesen plötzlich (!) anfangen, Milch zu trinken, dann steigen eben die Preise für diese Produkte. Dazu kämen noch korrupte Politik in den Entwicklungsländern, die nicht ausreichend vorhergesagte Änderung der Ernährungsgewohnheiten in Schwellenländern und mit Biosprit hätte die Entwicklung der Preise so gut wie gar nichts zu tun.Nein, es war absolut nicht vorauszusehen, dass Menschen – egal ob in Indien oder anderswo - auf die Idee kommen könnten, eine zweite Mahlzeit am Tag zu sich zu nehmen, wenn sie es sich leisten können. Wahrscheinlich – könnte man mit Zynismus denken – haben alle gedacht, die sind ja an eine Mahlzeit/Tag gewohnt. Wieso sollte sich da was ändern?Dass Frau Merkel nebenbei vergisst, diejenigen gegenzurechnen, die sich in anderen Teilen der Welt jetzt (erst mal) nur noch eine Mahlzeit statt bisher zwei leisten können, sei nur am Rande erwähnt.Ich habe verstanden: Politiker und Wirtschaftelite sind absolut nicht in der Lage, irgendwas vorauszusehen: nicht die Banken-/Finanzkrise, nicht die Nahrungsmittelkrise.Was kommt als nächstes, Frau Merkel?Und was die Korruption in Entwicklungsländern angeht, denke ich, dass Herr von Pierer Frau Merkel über diese "unmöglichen Zustände" aufgeklärt hat.Frau Merkel erwähnt mit keinem Wort, dass die Landwirtschaft in der EU mit >40Mrd € subventioniert und reguliert wird. Ich nehme an, dass Frau Merkel denkt, dies kann keinen Einfluss haben – wie auch entsprechende Subventionen in anderen Staaten wie zB USA.Nehmen wir einmal die Milch, die uns jetzt ja die Chinesen wegtrinken – und bleiben wir in Deutschland.Der Milchpreis hat sich innerhalb des letzten Jahres um gut 30% erhöht. Dann wird es ja höchste Zeit, Frau Merkel, dass die Milchquoten in der EU deutlich erhöht werden bei diesen Exportchancen. Immerhin ist die Subventionierung des Exports von Milchprodukten, die noch 2006 für Deutschland ca 75 Mio € betrug, weggefallen. Aber dann habe ich noch keine Erklärung dafür, warum der Milchpreis von Anfang Juli 2007 zum November 2007 an der Quotenbörse in Deutschland um ca 10% gefallen ist, aber das nicht beim Verbraucher ankommt.Ich kann den Verbraucherpreis für Milch überhaupt nicht in Einklang bringen mit dem, was die deutsche Milchindustrie-Verband (MIV) zu diesem Thema sagt.- die Milcherzeuger kämpfen für angemessene Erzeugerpreise, da von der exorbitanten Steigerung für den Endverbraucher offensichlich bei ihnen kaum was ankommt.- der Weltmarkt hat 2008 im Vergleich zum Vorjahr deutlich nachgegeben.http://www.milchindustrie.de/de/presse/pressemitteilungen/2008_04_09_01.htmlhttp://www.milchindustrie.de/de/teaser_2008/Marktbericht/Thema Biosprit:„Allein in der EU dürfte die Nachfrage nach Biotreibstoff bis 2010 um rund 170 Prozent steigen. In den Vereinigten Staaten geht schon heute ein Fünftel der Maisernte in die Herstellung von Bioethanol, und die US-Regierung will das noch fördern.“http://www.zeit.de/2007/32/Alle_in_Butter?page=2Da gibt es ja nur zwei Möglichkeiten. Entweder die ZEIT erzählt uns Unsinn oder Frau Merkel. Ich neige eher zu Frau Merkel.Und die interessante Frage wäre jetzt: warum erzählt Frau Merkel das? Tut so, als wenn Biosprit-Problematik keine oder kaum Auswirkung auf die globale Welternährungskrise hätte?Es wäre klug darüber nachzudenken, inwieweit das mit der deutschen Autoindustrie zusammenhängt. Die deutsche Autoindustrie könnte größte Probleme kriegen, wenn für ihre hochklassigen Wagen mit „hochklassigem“ CO2-Ausstoß der Biosprit wegfällt.Zu spät in neue, umweltschonende Antriebstechnologien eingestiegen, bleibt doch nur die Biosprit-Lösung, um dem EU-Druck zur drastischen Reduzierung des CO2-Ausstoßes gerecht zu werden.Herr Wiedeking und andere möchten schließlich nicht in einem verbrauchsfreundlichen (und umweltschonenden) Kleinwagen umherfahren. Er möchte weiterhin seinen Porsche fahren und Nahrungsmittelpreise sind ihm sowieso egal bei seinem Gehalt.Ergo: der Verbraucher, der sich keinen Porsche leisten kann, wird das Vergnügen von Herrn Wiedeking über höhere Nahrungsmittelpreise subventionieren müssen.Das scheint auch Frau Merkel zu wollen, wenn sie das Problem so klein redet.Uns geht’s ja allen noch gut. Noch gibt es in Deutschland keine Hungerdemonstrationen. Ich frage mich nur langsam, wie lange „noch keine“.Ich erinnere Frau Merkel daran, dass sie im Juli 2007 angesichts der ersten Teuerungswelle insbesondere bei Milchprodukten gesagt hat (sinngemäß): bei diesen Preisen müsste man sich mal drum kümmern, ob zB ALG-II-Bezieher mit dem Geld hinkommen.Passiert ist nichts. Ich erinnere daran, dass nach den Positionen des Regelsatzes einem ALG-II-Bezieher knapp 133 € für „Nahrungsmittel, Getränke, Tabak“ zur Verfügung stehen.Bei 30 Tagen/Monat sind das ca 4,43 €/Tag.Für Kinder sehen die Zuwendungen noch schlechter aus.Es ist kein Experte zu finden, der meint, bei diesen Sätzen wäre noch eine ausreichende und ausgewogene Ernährung möglich.Willkommen in der 3. Welt!Der momentane Eckregelsatz von 347 € für eine 1-Personen Bedarfsgemeinschaft beruht auf Daten des Jahres 2003. Zum heutigen Datum haben wir eine Inflation von 8-10%, wobei ich davon ausgehe, dass diese bei den kurzfristigen Verbrauchsgütern wie eben Nahrungsmittel ca doppelt so hoch sein dürfte.Aber unsere schwarz-rote Regierung interessiert das nicht. Schon eher, den Rentnern etwas Gutes zu tun. Nichts gegen Rentner! Es ist nur so, dass es denen nicht allen (!) so schlecht geht, dass sie eine außerplanmäßige Erhöhung unbedingt bräuchten. Andere schon eher. Dafür wird dann aber, nachdem auch die SPD ihre Klientel bedient hat (siehe längeren Bezug von ALG-I) kein Geld mehr übrig sein. Die Linken wird es freuen. Schwarz-rot züchtet ihnen ganz umsonst die Wählerschaft heran.
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