Der Provokateur
Andreas Schleicher, auch »Mister Pisa« genannt, ist ein ebenso einflussreicher wie umstrittener Bildungsforscher. Jetzt hat er ein Hochschul-Pisa angekündigt.Von Jan-Martin Wiarda
http://www.zeit.de/2008/13/C-SchleicherNeueste Kommentare
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Leser-Kommentare
1. Sie schreiben: "ALLE Erhebungen in Deutschland zeigen, dass die Schüler im angeblich so reaktionären dreigliedrigen Bildungssystem besser ausgebildet sind als die in der ach so progressiven Gesamtschule." Abgesehen davon, dass ich Ihnen nicht abnehme alle Erhebungen zum Thema zu kennen, scheinen Sie sich über Folgendes nicht im Klaren zu sein: Wenn man die durchschnittlichen PISA-Punkte (oder ausch alle anderen Schulleistungs/-wissenstests) von Schulen, (Bundes-)Ländern, Bildungssystemen, etc. vergleicht, erhält man nichts anderes als eine Beschreibung der sozialen Realität -- man spricht auch von "deskriptiver Inferenz", die gezogen wird. Eine solche "deskriptive Inferenz" ist z.B. was in der PISA Studie gemacht wird; es ist deskriptive Inferenz, worauf die berühmten Platzierungen beruhen (also das, wo Deutschland zuletzt bezüglich naturwissenschaftlicher Kompetenz signifikant über dem Durchschnitt von 500 Punkte [516] und Finland wiederholt ganz oben gelandet ist [563]; [PISA 2006, dt. Zusammenfassung hier: pisa.ipn.uni-kiel.de/zusammenfassung_PISA2006.pdf]). Kausale Inferenz zu ziehen ist ungleich schwieriger. Die im Rahmen von Kausalforschung zu beantwortenden Fragen, sind sogenannte kontrafaktische Fragen, z.B. für den individuellen kausalen Effekt: Wieviel PISA-Punkte hätte Schülerin A erzielt, wäre sie auf eine Gesamtschule statt auf ein Gymnasium gegangen? (Das ist kontrafaktisch, weil eben nicht direkt beobachtbar -- Schülerin A geht eben nur auf eine Schule, die entweder Gymnasium oder Gesamtschule ist.) Die Bildungsforschung versucht nun, sich durchschnittlichen kausalen Effekten anzunähern. Die Frage(n) nach dem "besseren" Schulsystem sind also kausale Fragen. Zur Beantwortung bedarf es der Beachtung und Korrektur zweier Phänomene: (1) Heterogenität und (2) Selbstselektion. Unter (1) versteht man die Möglicheit von relevanten Unterschieden in der Ausgangssituation der Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Schulformen. So ist es wahrscheinlich, dass bestimmte Eltern (wohlhabend, gut gebildet, etc.) ihre Kinder auf andere Schulen (Gymnasien) schicken, als andere Eltern (bildungsfern->Gesamtschule). Dass dann die PISA-Punkte auf den Gymnasien höher sind als auf den Gesamtschulen, könnte also auschließlich am unterschiedlichen biologischen und soziokulturellen Hintergrund der Kinder liegen und eben nicht am (vermeintlich schlechteren) Unterricht an den Gesamtschulen. Ähnlich könnten LehrerInnen bei der Schullaufbahnempfehlung argumentieren: "Geben Sie den Martin doch lieber auf die Gesamtschule, da hat er noch ein bisschen Zeit, das Gymnasium könnte er nichtr schaffen und ein solches Scheitern ist nicht gut für seine psychosoziale Entwicklung" -- dass eine solche Empfehlung eher (bei gleicher Leistung in der Grundschule) an ein Kind aus einem "bildungsfernen" Haushalt geht, ist zumindest nicht unwahrscheinlich. Ach ja: Beachten Sie, dass es auf Gesamtschulen Kinder gibt, die das Abitur, solche, die die mittlere Reife anstreben und solche, die einen Hauptschulabschluss erwerben wollen.Die sogenannte Selbstselektion (Problem 2) ist noch komplexer, teils ist sie als "Selektion auf unbeobachtbaren Faktoren" definiert, was eine Lösung definitorisch ausschließt. Kurz gesagt unterliegt Selbstselektion folgender Logik: Es gibt Personen, die (zu) wissen (glauben), dass sie von dem Unterricht bestimmter Schulen besonders profitieren werden und deshalb diese Schulen besuchen/ihre Kinder auf diese Schulen schicken -- dies sind dann z.B. sehr motivierte SchülerInnen/Eltern. Das kann, wie gesagt, sehr schwer zu messen und damit nur schwer zu korrigieren sein.Was man außerdem nicht vergessen sollte: (i) Der kausale Effekt von Gesamtschulen -- was ist das überhaupt und wo kommt er/es her? Mir scheint es sehr wichtig, dass ein solcher Effekt weiter zerlegt wird, z.B. in Effekte des Zeitpunktes (z.B. 4./6./8. Klasse) der Trennung in verschieden Schullaufbahnen, in bestimmte Unterrichtsmethoden, etc.(ii) Es gibt unzählige Fragen, die man im Rahmen des Vergleichs der kausalen Effekte von Bildungssystemen/Schulformen/etc. stellen kann -- so gibt es neben den Auswirkungen auf die (durchschnittlichen) PISA-Punkte z.B. den Effekt auf die sogenannte Bildungsungleichheit, auf das psychische Wohlbefinden eines Kindes und viele mehr. Hier ist die Gesellschaft (z.B. vertreten durch gewählte PolitikerInnen) gefragt, was für wie wichtig und erstrebenswert gehalten wird...2. Auch wenn ich Sie zu verstehen glaube, was/wer sind genau kapitalistische und sozialistische Bundesländer? Halten Sie diese Trennung für sinnvoll, bzw. was genau bezweckt sie?