Der menschliche Faktor

Was sagt die Handschrift über einen Menschen aus? Für diese Fragen waren Grafologen früher zuständig. Welche Bedeutung haben sie im digitalen Zeitalter?Von Franziska Günther

http://www.zeit.de/online/2008/49/grafologie-digitales-zeitalter
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Leser-Kommentare
  1. 1. Graphologie ist unseriös

    Die Argumente für die Graphologie sind nicht überzeugend, daher möchte ich ein paar Punkte anführen.

    Eine Metaanalyse zum Thema Personalauswahl und Graphologie von Neter und Ben-Shakhar (1989) von der Hebrew University in Jerusalem (dabei wurden 17 Einzelstudien berücksichtigt), kam zu folgenden Ergebnissen:
    1. Die Effektgröße ist zu gering, andere Methoden sind deutlich besser
    2. Nichtgraphologen sind allgemein genauso in der Lage gültige Aussagen aus den handschriftlichen Lebensläufen zu lesen, wie Graphologen.
    3. Die geringe Effektgröße geht gegen Null, sobald neutrale Texte vorgelegt werden.
    Der Inhalt bestimmt somit die Aussagekraft der Graphologieurteile.

    Neter, E.;Ben-Shakhar, G. (1989).The predictive validity of graphological influences: A meta-analytic approach. In: Personality and Individual Differences (10): 737–745.

    Dass die Graphologie ähnlich gut wie Assessmentcenter (AC) abschneiden könne, nur günstiger wäre ist nicht belegt und entspringt wohl eher dem Wunschdenken von Graphologen. Außer man liest den Satz so, dass Graphologie genauso unvalide Aussagen wie ein schlecht-konzipiertes AC treffen kann. Zum Nutzen von Auswahlinstrumenten gibt es eine Klassiker:
    Schmidt, F. L.; Hunter, J. E. (1998): The validity and utility of selection methods in personnel psychology: Practical and theoretical implications of 85 years of research findings. In: Psychological Bulletin. Sep Vol 124(2) 262-274.

    Fakt bleibt. Bisher gibt es keinen empirisch abgesicherten Nutzen der Graphologie in der Personalauswahl, trotz vieler Studien. Es gibt keine plausible Theorie der Graphologie und wenn es richtige Aussagen gibt, kommen die zum großen Teilen aus dem Lebenslauf, die gewonnenen Erkenntnisse können Nichtgrafologen auch aus dem Lebenslauf entnehmen. Das Grafologen in der Personalauswahl weniger genutzt werden, ist auch der zunehmenden Verwissenschaftlichung der Personalauswahl anzurechnen. Vielleicht gehört die Graphologie in Deutschland ja bald der Vergangenheit an wie Pseudoverfahren wie die Phrenologie, aber es wird sicherlich bald die nächste Sau durchs Dorf getrieben, aktuell versuchen einige doch wirklich Charaktereigenschaften am Gesicht erkennen zu können und empfehlen dies für die Personalauswahl. Peinlich.

    Halder-Sinn, P. (1989): Graphologie in Deutschland: Eine Renaissance? In: Skeptiker 3/1989, 14-18.
    Halder-Sinn, P. (1993) Graphologie erneut durchgefallen. In: Skeptiker 2/1993, 43-45.
    Beyerstein, B. L.; Beyerstein, D. F. (1992): The Write Stuff. Evaluations of Graphology. The Study of Handwriting Analysis. Prometheus Books, New York
    Heinze, Burger (2000): Graphologie. In: Sarges, W. (Hrsg.): Management-Diagnostik. 470 – 474, 3. Aufl., Hogrefe, Göttingen.

  2. 2. Die Argumente gegen die Graphologie sind

    Bei dem Wort "Metaanlayse" erschaudern ja manche vor Ehrfurcht. Für jene Einzelstudien über die Graphologie gilt, dass in der Regel die ernstzunehmenden Graphologen nicht teilnehmen. Denn schließlich soll etwas gemessen werden, was nicht messbar ist - nämlich eine Persönlichkeitsdimension, eine Charaktereigenschaft. Also nehmen vielfach fragwürdige oder sich selbst überschätzende Graphologen teil. Im Falle einer Studie jenes erwähnten Ben-Shakhar zum Beispiel sollten 20 Graphologen teilnehmen, was schließlich nur 3 taten. Ob dann eine Studie, die letztlich auf dem Urteil von 3 Teilnehmern aufbaut, einen Schluss auf ein ganzes Berufsbild zulässt, ist wohl mehr als fragwürdig. Typischerweise scheint dies aber gerade manchen zu reichen, vorschnell einen interessanten, weil hermeneutischen Ansatz in der Persönlichkeitspsychologie abzuurteilen.

  3. 3. Graphologie in der Kritik

    Hallo Hagen,

    naja, in Ergänzung zu deinem Kommentar:
    1. Natürlich kann man Persönlichkeitsmerkmale mal mehr oder weniger gut messen. Die Behauptung, das diese nicht messbar sind ist falsch.
    2. Die Schutzbehauptung, dass bei den Studien die ernst zunehmenden Graphologen nicht teilnehmen ist sehr amüsant und in keinster Weise überzeugend. a) steht es den Besten, der besten Graphologen frei fundierte Studien zu veröffentlichen, die von unabhängigen Wissenschaftler überprüft werden. Und b) die besten der besten Graphologen müssten auch ein natürliches Interesse habe, denn wenn Sie die Validität der Graphologie belegen könnten, dann wären die neunmalklugen Skeptiker endlich ruhig...man könnte mehr Geld verdienen, die Wissenschaftler an den Unis würden wieder die Graphologie untersuchen usw. also her mit den Belegen.

    3. Studien wurden übrigens nicht nur mit 3 Graphologen gemacht, die sich alle überschätzt haben, es gibt zahlreiche Studien und viele Versuche auch von Anhängern Belege vorzuweisen, leider ohne Erfolg, wie man auch in "Zeitschrift für Schriftpsychologie und Schriftvergleichung" überprüfen kann, viele spannende Artikel, aber keine handfesten Belege.

    4. der hermeneutische Ansatz ist doch eine Flucht in die Beliebigkeit. Aber selbst wenn man diesen reinen Deutungsansatz ernst nehmen würde. Wo sind die Belege, dass die Aussagen valide sind. Aussagen kann jeder machen und aus dem Lebenslauf können auch Laien Infos ziehen. Vergleichen wir doch die Ergebnisse einer hermeneutischen Berurteilung mit Faktoren für beruflichen Erfolg in der Zukunft. Auch hier wäre es schön, wenn mehr als nette Anekdoten vorzuweisen wären.

    Also, bisher keine überzeugende Belege für die Graphologie, nur ne Menge psychologischer Erklärungen (Barnum Effekt etc.) und Anekdoten (zufriedene Kunden), das hat aber auch jede Kaffeesatzleserin und Tarokartenlegerin.
    Wenn das alles ist, was die Graphologen vorzuweisen haben und die angeblich wirklich guten Graphologen es nicht für nötig halten, den Nutzen auch objektiv belegen zu lassen, dann kann man die Graphologie nur als Pseudowissenschaft abtun und als Geldverschwendung bezeichnen.

  4. 4. Hallo

    Hallo Hyperlink73,

    1.
    Persönlichkeitsmerkmale sind nicht validierbar - allein szientistische Tricksereien wie die Faktorenanalyse gaukeln dies vor. Ansonsten werden so genannte Persönlichkeitsinventare von den Positivisten, den konsequentesten Naturwissenschaftlern, als Elemente der "black box" betrachtet.

    2.
    Die Graphologie steht in Deutschland in der Tradition von Ludwig Klages. Sie ist der Lebensphilosophie und in deren Folge der Phänomenologie und anderer hermeneutischer Ansätze verbunden. Es handelt sich um eine beschreibende, der Geisteswissenschaft nahe stehende, Methode. Graphologen dieser Tradition, und das ist die Mehrzahl, sind in der Regel nicht an einer „wissenschaftlichen Überprüfung“ interessiert.

    4.
    Hermeneutische Ansätze sind keine Flucht in die Beliebigkeit. Der zwanghaft anmutende Ruf nach „Evaluation“ in Verbindung mit einem quasireligiösen Wissenschaftsbegriff erinnert eher an eine Flucht vor der Mehrdeutigkeit.

    Grüße

    Hagen

  5. 5. Graphologie

    Hallo,
    also den Inhalt von Punkt 1 hab ich nicht verstanden, daher kann ich darauf auch nicht antworten.

    zu 2.
    Dass die Graphologen die du erwähnst nicht an einer wissenschaftlichen Untersuchung interessiert sind, soll jetzt bitte was genau signalisieren? Nach dem Motto, wenn sie an einer Untersuchung interessiert wären und sich daran beteiligen würden, dann gebe es endlich die geforderten Belege für die Validität graphologischer Aussagen? Wie ehrenhaft. Leider überzeugt diese Argumentation nicht. Es gibt keine Belege für den Nutzen der Graphologie außer Anekdoten und Graphologen, die sich nicht wissenschaftlich untersuchen lassen wollen. Also woher wissen wir, dass deren Aussagen zutreffen? Behauten kann ich viel, auch Kaffeesatzleser können ne Menge aus dem Kaffeesatz lesen...

    zu 3. Nun ja, zwischen wissenschaftlich belastbaren Belegen und einer quasireligiösen Wissenschaftsgläubigkeit ist sicherlich ein großer Unterschied. Ich fordere nur Belege dafür, dass die Aussagen von Graphologen valide sind. Wenn es diese nicht gibt, weil Graphologen kein Interesse daran haben, dann bleibt die Graphologie so lange im Status einer Pseudowissenschaft, bis belastbare Belege vorliegen. #

    Bitte nenn mir doch eine Möglichkeit, wie man erkennen könnte, dass Graphologie Humbug wäre, wenn es mal (für dich nur hypothetisch) objektiv auch so wäre. Gibt es eine denkbare Art dies zu testen?

  6. 6. Graphologie

    1. Da es sich bei der Graphologie, wie gesagt, vor allem um eine hermeneutische Methode handelt, kann nicht die Methode an sich, sondern nur die Fähigkeit des einzelnen Graphologen „validiert“ werden.
    2. Weiterhin muss es einen Vergleichspunkt geben. Es muss wissenschaftlich sichergestellt sein, dass z. B. Versuchspersonen, deren Schrift begutachtet wird, auch tatsächlich eine bestimmte Persönlichkeitseigenschaft haben, dass sie z. B. "emphatisch" sind. Wie soll man das bitte zweifelsfrei messen?
    3. Das Bemühen, die Welt in Humbug und Nicht-Humbug einteilen zu wollen, ist verständlich und auch wichtig. Allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass dies nicht bei allem möglich ist und dass man immer eine Unschärferelation ertragen muss. Ansonsten muss man weite Bereiche der Wissenschaft, etwa in der Psychologie (Freud, Jung), mit Kaffeesatzleserei gleichsetzen müssen.

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