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Das Weltende überleben
Christa Wolf wird 80. Ihr sarkastischer Geschichtspessimismus war nie so aktuell wie heute.Von Evelyn Finger
http://www.zeit.de/2009/12/Christa-WolfChrista Wolf wird 80. Ihr sarkastischer Geschichtspessimismus war nie so aktuell wie heute.Von Evelyn Finger
http://www.zeit.de/2009/12/Christa-Wolf
Schöner Artikel. Macht mir echt Lust, Christa Wolf mal wieder zu lesen!
Die Stunde Null ist eine Lüge. Wer sich ihrer öffentlich bedient, belügt seine Mitmenschen. Ein 1945 eingetretenes Ende Deutschlands hat Ereignis werden lassen, dass jeder Deutsche, ob Mann, ob Frau, außer einer Handvoll geistig Träumender wie Ernst Cassirer, Thomas Mann und Ernst Jünger (gegen Thomas Assheuer), ein kriegsgeiler Verbrecher, ein machtwahnbesessener technisch arbeitender politischer Amokläufer, ein kultureller Mörder eines osteuropäischen Judentums ist. Eine Wahrheit eines Ereignisses, dessen geistige Dimensionen unaussprechbar sind, ist schlechthin unfassbar. Ein Volk, das von der Gesamtheit seiner politischen Elite in die Irre geführt und zu Verbrechen, deren einsetzendes und anhebendes Bewusstsein einen sofortigen geistigen und seelischen Tod seines Trägers nach sich zöge, angeleitet wurde, kann sowohl einer substantialen als auch einer funktionalen Wahrheit eines Ereignisses nicht in die Augen sehen können, da sie jenes Volk, aus deren Reihen die unendliche Anzahl der Besessenen, der Mörder, der Verbrecher aufsteigen konnte, richten und zu einem ewigen geistigen und seelischen Tode verdammen würde. Die Ungeheuerlichkeit und Überdimensionalität der in dem Namen Deutschlands und des deutschen Volkes geschehenen politischen Ereignisse ist mittels eines substantialen oder funktionalen Wahrheitsbegriffes gar nicht erfassbar, gar nicht aussagbar. Wer sich seiner bedient, macht sich mitschuldig an dem Vergessen und an dem Verdrängen einer Erinnerung und eines Gedächtnisses, deren Bewahren und Pflege einem durch 1945 eingetretenen politischen Tode das Recht nimmt und verweigert, das Humanum, das Europa kulturell trägt und nährt, beerdigt, begraben, beseitigt sein zu lassen.
Christa Wolfs spät offen gelegte Selbstverpflichtung für die DDR-Stasi, ihre Kapitalismuskritik an der alten BRD und ihre Vorbehalte gegen den Untergang der DDR im Jahre der Wiedervereinigung erbrachte ihr kein positives Renommee, trotz einer Literatur, die ihr in den Jahrzehnten davor große Beachtung verschafft hatte. Sie ist seither keine ernst genommene Schriftstellerin mehr, keine moralische Instanz fürs Deutschland der neuen Republik seit 1990.
Aber andere, von denen wir bisher überzeugt gewesen sind, dass sie moralisch hoch stehend und über alle Kritik erhaben sichere Gewährsleute unserer besten Absichten für eine bessere Welt sein müssten, haben vor kurzem ihre Verstrickungen in längst überwunden geglaubte politische Zumutungen eingestehen müssen. Und zum Teil besserwisserisch an ihrem Weg festgehalten.
Aber ist all das, was wir darin sehen müssen, nicht nur eine allzu menschliche Krankheit, eine allzu deutsche Mentalität: Denn noch die letzte allzu deutsche Revolution, die unter dem Motto gestanden hatte „Wir sind das Volk!“, führte zu nicht viel anderem als zur Verbrüderung der politischen Klassen von Deutschland West und Ost unterm Deckmantel der BRD-Verfasstheit. Es wurde der Untertanengeist, das Obrigkeitsdenken des von Alters her wohl bekannten preußisch-restaurativen Wegs nur um ein weiteres Beispiel ergänzt – was letztlich schwerwiegender ist als die Tatsache, dass sich die CDU West die CDU Ost einverleibte, dass sich die SED als Die LINKE auf Basis alter stalinistischer Kader neu formierte und die SPD sich dieser inzwischen zunehmend anbiedert.
Christ Wolf wird da zur Projektionsfläche eines schlechten Gewissens, zu der einer an sich besseren Einsicht, die man nicht leben will, die man in eine uneingestandene, moralische Gewissenslosigkeit abschiebt, geschuldet der Mentalität, vom Staat und der Gesellschaft alles, von sich selbst nichts zu verlangen: das Gemeinwesen wird da zu reiner Teilhabe an obrigkeitsstaatlich gewährten Sozialtransfers oder dem staatsliberalistisch sanktionierten kapitalistischen Boniwesen.
Und da interessiert es auch niemanden mehr, dass Christa Wolfs Werk über anderes spricht: Christa Wolfs Bücher haben mich immer tief beeindruckt, weil sie viel über das deutsche Wesen, den Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte und über ihren Umgang mit ihren Intellektuellen sagen. Christa Wolfs Bücher waren für mich immer eine Auseinandersetzung mit der Authentizität und dem Selbstverständnis deutschen Dichtertums und Schriftstellerei gewesen: eine Auseinandersetzung zwischen totalitären Geschichtsentwürfen mit solchen der Demokratie und eines recht verstandenen Republikanismus.
Dabei kennzeichnet Christa Wolfs Werk Entmutigung, Ausweglosigkeit, ja Sprachlosigkeit, auch ihre Figuren wie z.B. Günderode und Kleist, auch Kassandra. Ihre Bücher sprechen von Figuren, von Intellektuellen, die nicht ankommen, wo sie hingehören, wo sie dazugehören wollen. Ihr Land, in dem sie leben, ist ihnen verschlossen, bleibt fremd, ist ein Kontext der Existenzweise, der sich ihnen nicht erschließen kann. Und sie sind darin nur die Gradmesser des Unzeitgemäßen, Verschobenen, Falschen.
Aber Christa Wolf ist und bleibt, trotz dem, das sie auch war, eine wichtige Mahnerin auf dem Weg zu einer Sehnsucht nach Freiheit, Solidarität und Menschlichkeit, Menschenrechte, die so universal sind wie Sprache, Kommunikation und poetische Werkfähigkeit. So ist es nicht so sehr das Sozialistische, die Kapitalismuskritik an ihr, das Falsche ihres eigenen politischen Wegs, die uns einen Weg weisen können, sondern ihr poetisches Werk, das uns auf dem Weg in eine Demokratie mit einer humaneren Marktwirtschaft in globaler Herausforderung Hinsichten geben kann. Denn dass Christa Wolf in ihrer Kritik an der alten Bundesrepublik diese als Systemalternative gegenüber der DDR verwarf, ist kein Appell für die Diktatur. Dem widerspricht schon ihr poetisches Werk. Es wäre Zeit, Christa Wolfs Schaffen neu zu sichten.
Homepage: www.burkhard-wittek.de
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