Wenn das Handy neunmal klingelt

»Ruhm«: Daniel Kehlmanns Roman in neun Geschichten schnurrt wie eine gut geölte Maschine.Von Jochen Jung

http://www.zeit.de/2009/04/L-Kehlmann
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Leser-Kommentare
  1. 1. DieVermessung Kehlmanns als Schriftstell

    Jungs Rezension zerbröselt Kehlmanns neues Buch Ruhm zwischen den Mühlsteinen von Thomas Manns Buddenbrooks und Günter Grass' Blechtrommel. Er kommt zum Schluss, dass außer einer guten schriftstellerischen Idee zum Buch nur eine Sammlung von neun Geschichten aus Tausendundeinernacht herausgekommen sei, ja dass sogar, was heutige Leser besonders an der Lektüre eines Buches reizt, nämlich die erotischen Szenen, schlecht geschrieben und erzählt seien.

    Ist das nicht zu viel Anspruch, der hier von vorneherein gesetzt wird und wurde? Muss es immer gleich Thomas Mann und Grass sein, wenn von Erfolg im Literaturbetrieb, wenn von jungen Autoren gesprochen wird? Ist Kehlmann, der Komet am Sternenhimmel des Buchmarktes gefeiert wird und wurde, der mit Literaturpreisen und sonstigen Auszeichnungen und Belobigungen schnell überhäuft wurde, schlicht und ergreifend nicht einfach nur zu bedauern? Es scheint, man lobte hoch, um tief fallen zu lassen – um weg, um aus dem Literaturbetrieb fort zu loben.

    Durch sein erfolgreiches Megabuch Vermessung der Welt scheint man ihn zum Niveau, das da sofort heißen muss Thomas Mann und Günter Grass verdonnert, verpflichtet, gezwungen zu haben (Und dem Rezensenten ist zugute zu halten, dass er es sagt, nicht nur denkt). Aber warum? Um ihn gleich fertig zu machen? Ihn tief fallen lassen zu können? Er wird gemessen an dem, was er einst erreichte; vermessen an dem, was für Rezensenten und lesendes Publikum nun aus dem Stand möglich sein müsse. Ist das opportun? Oder will man damit nur sagen, dass man immer wieder nur lieber die alten Hasen, die Grass', die Walsers', die .... lesen will? (Hinweis: Ich habe nichts gegen diese Autoren! Sie gehören ohne Frage zum Besten, was die deutsche Literatur seit 1945 geboten hat!).

    Aber, bei aller Kritik an den Erwartungen von Rezensenten und Buchmarkt, zwei unprofessionelle Fehler hat Kehlmann im Umgang mit der medialen Öffentlichkeit auf jeden Fall gemacht:

    Er hat erstens im FAZ-Interview sein neues Buch erklärt, ja interpretiert, was zeigt, dass er Angst hat, es könnte missverstanden, in seiner Güte nicht erkannt; es könnte ein Flop werden, nicht auf der Höhe der Vermessbarkeit sein.

    Er hat zweitens zu viel über sich, über seine schriftstellerische Werkstatt, seine zwischenzeitlichen Schreibversuche und -probleme preisgegeben. Er hat sich gegenüber Kritik und Öffentlichkeit vermessbar gemacht. Er hat öffentlich gemacht, dass zwischen großem Erfolg und Autorenwirklichkeit Welten liegen könnten. Er hat selbst dem Anspruch, den er in sich setzt und in ihn gesetzt sieht, geschadet: damit seinen zukünftigen Büchern, seinem Ruhm.

    So könnte geschehen, was schon so vielen Autoren geschah: Ein Autor, der mit seinem Erstling zu solcher Quote kam, könnte tot sein, bevor er richtig gelebt hat. So erging es vielen, wird es vielen ergehen, auch wenn es noch viel mehr andere gibt, die nur für die Schublade schrieben, niemals diese Chance bekamen, die Kehlmann hat. Wir sehen daran: Der Buchmarkt ist ein hartes Brot. Aber härter ist die Angst, es nicht noch einmal zu schaffen! Und diese Angst heißt, die falsche Tugend zum Ratgeber zu machen.

    www.burkhard-wittek.de

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