Empfehlen Social Bookmarks
Jeder ist ein Star?
Die intimsten Augenblicke, die persönlichsten Details werden im Internet ausgebreitet. In Wort, Bild und Video. Wie gefährlich ist diese neue Offenheit?Von Sigrid Neudecker
http://www.zeit.de/2008/20/II-Gesellschaft_-Ende-der-Intimsphaere
Kategorien
"Das allzu große Bedürfnis vieler Mitmenschen, sich endlich auch einmal mitteilen zu können, wird das subjektive, gesellschaftlich anerkannte Gefühl von Privatsphäre immer weiter durchlöchern. Es ist zu hoffen, dass irgendwann, wenn alle Abtreibungen und Seitensprünge gestanden wurden, im Netz endlich wieder erholsame Stille einkehrt."Erst mal: Es gibt kein Bedürfnis, sich "mitteilen zu können", sondern eines, sich mitzuteilen. Und dann: "allzu groß"? Wer entscheidet darüber, ob ein Bedürfnis angemessen groß ist? Gibt es da eine gesellschaftliche Norm, der sich der einzelne unterzuordnen hätte? Ich halte nichts von Menschen, die darüber entscheiden wollen, welches meiner Bedürfnisse angemessen ist und welches nicht. Das ist einzig und allein meine Angelegenheit. Die Entscheidung darüber, wieviel Privatsphäre ich für mich beanspruche, ist eine private.Und warum wünschen Sie, daß "im Netz Stille einkehrt"? Sie müssen doch nicht lesen oder schauen, wenn Sie nicht an den privaten Dingen anderer teilhaben wollen. Stille ist einfach zu bewerkstelligen: Loggen Sie sich aus und machen Sie einen ausgedehnten Friedhofsspaziergang. ___________________
Lyriost – Madentiraden
Der Artikel sagt nichts darüber aus warum es gefählich oder schlimm sein soll, solche Veröffentlichungen im Internet zu machen - bis auf die Tatsache dass es ein paar Personalchefs gibt die nicht verstehen, dass man Bier trinken kann ohne gleich Alkoholiker zu sein oder sich selbst befriedigen kann ohne gleich moralisch verwerflich zu sein. Und genau um diese kleinbürgerlichen Vorstellungen aufzubrechen ist es gut dass es diese Foren gibt.
Wenn alle Star sein können, ist am Ende keiner mehr ein Star.
@vondehn
was heißt kleinbürgerliche Vorstellungen? Mir ist es wurscht, wer was im Netz meint machen zu müssen. Wer das Bedürfnis hat, sich beim Orgasmus filmen zu lassen und den Video ins Netz zu stellen, bitte schön. Ich muss es mir ja nicht anschauen und schaue es mir auch nicht an. Aber es gibt einfach Grenzen, wo ein Personaler zu recht sagt, mit solchen Leuten kann ich nichts anfangen. Man stelle sich vor, man verhandelt mit einem Geschäftspartner, welchen man vorher onanierent im Web gesehen hat. Wie ernst kann ich den noch nehmen? Ist das kleinbürgerlich, wenn ich den Respekt vor solchen Menschen verliere? Nicht die Tatsache, dass sie onanieren macht sie lächerlich, das Bedürfnis, es aller Welt auch noch mitteilen zu müssen.
Es hat etwas Gutes, wenn es Intimitäten gibt, die eben nicht jeder kennt und weiß. Ansonsten verliert man unweigerlich den Respekt vor solchen Leuten, die aller Welt ihr Innerstes mitteilen müssen.
nichts gegen Bauern...ich glaube nicht dass das neue Mitteilungsbedürfnis im Web größer ist als z.B. das Bedürfnis in El Arenal Urlaub zu machen, sich sein Auto oder seinen PC aufzutunen usw.
unbedarft sind nur solche artikel. und lyriost hat vollkommen recht. oder um es mit yahoo zu sagen:
Ihre Anfrage verbessert die Geschwindigkeit der Bearbeitung deutlich.
Jeder, der einen Zeitungsartikel oder Kommentar oder Blog oder Manifest schreibt, ist auf "eigenartige" Weise mitteilungsbedürftig. Im internet ist alles anders als in der Zeitung oder als das Buch zu Gutenbergs Zeiten? In dieser Hinsicht der Mitteilung nicht. Photos, Videos, die Zugriffsmöglichkeiten und die Datenvorhaltung ist neu statt Texte und gedruckte Worte mit Zerfallsdatum, aber nicht das Mitteilungsbedürfnis des Menschen.
Unter diesem Gesichtspunkt ist der Artikel eines Mitteilungsbedürftigen über andere Mittelungsbedürftige etwas Erbärmlich und sehr Überheblich!
Angesichts der Stimmung dieses Arkikel mir kommt's kein bisschen ironsich vor, dass diese Webseite verlinkt wurden. Na ja, die Leute freuen sich wahrscheinlich auf mehr Besucherzahlen....
Wenn man sich mit älteren Menschen so unterhält und diese mal so aus dem Nähkastchen plaudern, so kann man feststellen, dass besonders in sozial funktionierenden Strukturen sehr viele solcher Informationen bekannt sind und waren. Der Unterschied zum Internet besteht darin, dass das Dorf zur ganzen Welt wird.
Manchmal frage ich mich, ob das nicht sogar gut ist, denn die ständige Fassadenpflegerei, besonders je offizieller oder spießbürgerlicher es in Beruf und Privatleben wird, liefert Erpressung, Hochstapelei, Lug und Trug eine perfekte Plattform.
Ist es wirklich gut, wenn alle die, besonders in Deutschland ausgeprägte Angst umtreibt, jemand könnte etwas über mich Wissen und nicht richtig bewerten? Denn darum geht es doch i.d.R. dass die Bequemlichkeit wichtiger oder verantwortlicher Personen über die Mühe einer echten Beurteilung gestellt wird. Ist es nicht das, was wir ohnehin in unserer Gesellschaft so massiv beklagen müssen, besonders im Personalwesen?
Vielleicht ermöglicht diese Offenheit am Ende, das den Tratschtanten und Dauerempörten, den Arbeitgebern mit den Normbewerbern endlich die Luft ausgeht in ihren künstlichen Welten?
Berthold Grabe
Unspektakulärer hätte das Beispiel nicht ausfallen können:
"Familie K. (Name der Redaktion und den Internetusern bekannt) aus Herbede war im Februar auf Hamburg-Besuch. Es hat den K.s »sehr gut gefallen«. Und im vergangenen November verbrachten sie ihren Urlaub in Ägypten, zum elften Mal! Frau K. arbeitet übrigens beim Plus-Supermarkt in Herbede, ihre Hobbys sind Stricken, Häkeln und Backen".
Vielleicht ist das scheinbar unverhältnismäßig angestiegene Bedürfnis sich mitteilen zu wollen eine Reaktion auf den kulturellen Konservatismus unserer Zeit.
Was in den USA passiert läst sich zudem auch nicht auf das übetragen, was in der BRD passiert--dort sind die Beziehungen zwischen Chefs und Angestellten anders definiert.
Sensation! Im Internet kann man - gegen Bezahlung - Menschen bei intimsten Momenten zuschauen. Frau Neudecker offenbart diese erstaunliche Nachricht mit unermesslichem Neuigkeitswert nun auch den ZEIT-Lesern in einem liebevoll bebilderten Artikel und hat auch gleich das Corpus delicti verlinkt, damit man nicht lange danach suchen muss. Vielen Dank dafür. Zum merkwürdigen, teilweise peinlichen Mitteilungsbedürfnis der Menschen im Internet: Die genannte Autorin betreibt einen Sex-Blog. Aktueller Eintrag: Ein Shampoo-Spender, der einem Penis nachgeformt ist. Kommentar der Autorin: "Da kommt Shampoo raus (Link). Es ist hässlich. Es ist nicht witzisch. Wer lässt sich so etwas einfallen? Und vor allem: Wer mag sowas gar kaufen?" Und vor allem: Wen interessiert es? Ob dieser Blog der Autorin wohl schaden könnte, wenn sie sich in ferner Zukunft vielleicht einmal bei einer seriösen Zeitung bewirbt, wer weiß? Andererseits: Gibt es so etwas überhaupt noch?
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren