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Ich blogge, also bin ich
Immer mehr Menschen produzieren sich im Internet. Wir treten ein in die Epoche des »digitalen Nihilismus«. Ein Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Geert Lovink
http://www.zeit.de/2007/52/Interview-Geert-Lovink
Es wurde, gerade in letzter Zeit, über die Vorteile und Nachteile des Web 2.0 schon viel geschrieben. Manches geistreich, vieles -selbst aus vermeintlich seriöser JournaliSZtenfeder- erinnerte aber eher an die frech gebrüllten Hetzreimchen kleiner Strolche, die mit rotzverschmierter Nase über staubige Dorfstraßen dem Scherenschleifer auf seinem alten Fahrrad hinterherrannten. Für sie Sinnbild einer Freiheit, eines unaufhaltsamen Weiterziehens, dem sie, die Fesseln des eigenen festgefahrenen, institutionalisierten Daseins wohl gewahr, nichts als ihre kleinen hilflosen Ferslein hinterher zu werfen hatten.
Ich will also nicht alles wiederholen, was von der einen oder der anderen Seite schon an richtigem oder falschem, klugen oder dummen gesagt wurde. Was ich möchte ist auf ein - sicher vielen bekanntes - Beispiel verweisen, das für mich für den ungeheuren Nutzen, die ungeheure Freiheit, die ungeheure Bedeutung des Web 2.0 steht. Ich spreche vom angeblichen Tode des kleinen Mohammed al-Dura vor nunmehr 7 Jahren.
"Er war die Symbolfigur der so genannten Zweiten Intifada, der zwölfjährige Mohammed al-Dura, der am 30. September 2000 während eines Feuergefechts im Gazastreifen von israelischen Soldaten erschossen worden sein soll – in den Armen seines Vaters. Der französische Fernsehsender France 2 strahlte noch am gleichen Tag einen knapp einminütigen Beitrag aus, der um die Welt gehen und den neuerlichen palästinensischen Aufstand anheizen sollte. Seine Botschaft: Skrupellose Besatzungssoldaten haben ein unschuldiges Kind ermordet. Doch schon bald kamen Zweifel an dieser Darstellung auf; in Deutschland war es vor allem die Fernsehjournalistin Esther Schapira, die die These vom kaltblütigen Mord in Zweifel zog und in einem Dokumentarfilm zu dem Ergebnis gelangte, dass der Junge mutmaßlich von palästinensischen Kugeln getroffen wurde. In Frankreich war die Diskussion noch ungleich heftiger: Philippe Karsenty etwa – Inhaber des die Medienberichterstattung kritisch kommentierenden Webportals Media Ratings – warf France 2 und vor allem dessen verantwortlichen Israel-Korrespondenten Charles Enderlin vor, den Bericht über den vermeintlichen Tod Mohammed al-Duras schlicht manipuliert zu haben.Der Sender weigerte sich jedoch zunächst, das gesamte Filmmaterial des etwa eine Dreiviertelstunde dauernden Schusswechsels zur Untersuchung freizugeben....."
Dieser Auszug stammt aus einem Umfassenden, gut dokumentierten Artikel des Bloggers Lizas Welt und kann - und sollte - dort in seiner ganzen Länge einschließlich der Links gelesen werden:
http://lizaswelt.blogspot.com/2007/12/das-ende-einer-ikone.html
Abschließend: Allein dieser Fall - ganz egal auf welcher Seite man steht, ganz egal wie der Prozess in meinem Beispiel enden wird, nur den Blick auf die MÖGLICHKEITEN der Informationsbeschaffung gerichtet - belegt eindrucksvoll, wie sehr uns Web 2.0 von einseitiger, manipulativer Meinungsmache unabhängig zu machen in der Lage ist.
Und wir werden noch auf andere Weise von Web 2.0 profitieren: Überleben wird in Zukunft bei den bestehenden Rundfunk- oder Print-Medien nur noch qualitativ hochwertiger, seriöser, sauber recherchierter Qualitätsjournalismus. Denn schlecht zusammengeschusterten Info-Schrott kann das Web viel günstiger produzieren und auf Abruf in heute fast jeden Haushalt liefern. Und das werden als erstes die merken, die lieber weiter dem Scherenschleifer spottend hinterherhüpfen, anstatt sich selbst auf den Weg in eine bessere Informationswelt zu begeben.
Gruß
Legpatnost
kühl und sachlich Ihr Comment den sich jeder verträumte User zu Gemüte führen sollte.
Natürlich scheint die Tatsache unumstößlich zu sein, dass sich die meisten User im Internet nicht mit Nachrichten oder Meldungen beschäftigen, sondern das Medium vielmehr als eine Art Bühne zur Selbstdarstellung nutzen. Wenn man so will, bin ich auch gerade dabei, dies zu tun.
Aber es gibt eben auch andere Beispiele, wie von Legpatnost anschaulich aufgezeigt. Öffentlichkeit und Basis durch web 2.0 zu "demokratisieren", ist eine große Chance, zugleich aber auch mit der Gefahr vieler Nebenwirkungen verbunden.
Wenn ein vermeintlich objektiver Vorgang aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird, können aus einer Feststellung ganz schnell mehrere Fragen werden. Im weiten Heer der Internet-Surfer sind immer auch Menschen zu finden, die sich ernsthaft mit einer bestimmten Problematik befasst haben, die etablierte Zeitungen, Radio- oder Fernsehsender als "abgeschlossen" zu den Akten gelegt haben. Diese ernsthaften User handeln nach dem Grundsatz "audiatur et altera pars". Und die objektiv wirkende Meinung einzelner bekannter Medien gerät ins Wanken.
Geert Lovink hat mit seiner These von der relativ leicht zu erreichenden Selbstdarstellung des Individuums im Internet Recht. Aber nur ganz allgemein - und hundertprozentig auf gar keinen Fall. Mit dieser Ambivalenz müssen wir alle, so glaube ich, leben.
Offensichtlich hat man sich jetzt geeinigt, dass Web2.0 das "Mitmachnetz" ist :-)Gut, ich konnte mit dem Begriff bisher nicht viel anfangen und das "Mitmachen" gibts imho auch schon länger, aber sei's drum.Ich persönlich lese kaum Blogs, einfach weil ich kaum gute Blogs kenne, aber ich schätze die Möglichkeit meine eigene Meinung zu äußern und die der Anderen zu lesen. Und das Ganze oft auch noch anonym, ein unschätzbarer Vorteil, Vorurteile und Titel sind da nämlich plötzlich wirkungslos. Seit ich mit anderen online diskutiere (vielleicht seit 5 Jahren) hat sich mein Argumentations- und Schreibstil wesentlich verbessert und ich bin den etablierten Medien gegenüber viel kritischer geworden. Auch das Nachrecherchieren und aufmerksame Lesen lernt man zwangsweise, sonst blamiert man sich unheimlich schnell beim Kommentieren :-)Diese Kommunikationsmöglichkeiten ermöglichen basisdemokratische Ansätze von ganz neuer Qualität. Eine Information kann nicht mehr einfach unterschlagen werden, sie breitet sich jenseits wirtschaftlicher Interessen aus (auch wenn es Manipulationsversuche bereits ausreichend gibt, sie sind zum Glück schwer zum Erfolg zu bringen). ABER so vergleichsweise jung diese tollen Möglichkeiten sind, so bedroht sind sie bereits wieder, zumindest in Deutschland. Es gibt eine sogenannte Pressekammer in Hamburg, mit einem Hardliner-Richter namens Andreas Buske. Jeder der sich im Internet zu Unrecht kritisiert oder beleidigt sieht, kann vor dieser Kammer idR mit Erfolg klagen. Dummerweise sind die kalkulierten Schadenssummen immer gleich riesig, wenn etwas im Internet steht. So kommt es, dass zB die B**D mit ihren Print-Diffamierungen und Lügen vergleichsweise billig davonkommt, während der ein oder andere Forenbetreiber plötzlich unverschuldet vor dem Ruin steht. Die Folgen sind klar: da es ein unkalkulierbares Risiko ist, ein Forum oder eine Blog-Möglichkeit zu betreiben, anderseits aber unbezahlbar alle Kommentare vorher zu lesen, verschwinden immer mehr Foren oder werden knallhart zensiert und eingeschränkt. Das jüngste Beispiel: das Forum der SZ:Der SZ wird das Internet zuviel (auf Telepolis)Liebe Politiker, beweist zur Abwechlsung mal, dass ihr tatsächlich überzeugte Demokraten und unsere Vertreter seid! Hier muss was geschehen und zwar schnell!Ach ja, einige Links zum Thema Buske:Forenurteil1 (heise)Forenurteil2 (Blogger Niggemeier)Contergan-FilmVerbot NamensnennungWiderstand gegen Buske@hagego:
Was bedeutet: "audiatur et altera pars" ?
Es gibt tatsächlich Leser, die kein Latein (oder was auch immer) können.
Die Versuche das Internet mundtot und zu einer ausschliesslich kommerziellen Bühne zu machen, trifft im Übrigen nicht nur Blogger und Forenbetreiber. Einige Beispiele?:http://www.rettet-das-internet.de/beispiele.htmDie Hauptschuld trägt die kostenpflichtige Abmahnmöglichkeit, zusammen mit den unfair hoch kalkulierten Schadenssummen und raffgierigen Anwälten. Aber da wird unsere liebe Frau Anwältin Zypresse sicher nicht einschreiten. Wie wohl ein Großteil unserer "Volks-Vertreter" Juristen sind. Eine Krähe hakt der anderen schliesslich kein Auge aus, soll der Pöbel doch bluten, das Internet ist eh lästig und schlecht zu überwachen.
Vorgestern hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem Blogger. Seine Meinung: "Unsere Generation hat nur den Auftrag, die Inhalte, die frühere Generationen produziert haben, zu digitalisieren. Alles, was nicht digitalisiert ist, wird für die nächste Generation nicht existieren". Er mag die Lage überspitzt haben, aber es ist doch was Wahres dran. Immer weniger wihtig sind bei der jüngeren Generation die Inhalte einer eigenen intellektuellen Leistung , es geht fast ausschließlich um das Weitergeben fremder Inhalte, die in der Regel nicht nachprüfbar sind. Die Wikipedia ist ein Paradebeispiel für die Manipulierbarkeit der Information. Mit der Zeit verselbständigt sich eine x-beliebige Botschaft, wird durch die Passagen durch unzählige Tastaturen verfälscht, von unredlichen Zeitgenossen zu den eigenen Zwecken verfremdet und, aus dem Zusammenhang gerissen, zur Untermauerung eigener Thesen herangezogen.
Dieses Abdriften der eigenen Reflexion, die primär dazu dienen sollte, aus externen Informationen eine eigene Meinung zu bilden, in den Zwang zur Optimierung der Verbreitung eines fremden Inhalts züchtet geradezu die intellektuelle Trägheit des Einzelnen und der nicht-virtuellen Gruppe und das unkritische Übernehmen von Angaben, die allein deshalb als glaubwürdig erscheinen, weil sie online sind.
Ganz zu schweigen vom Verschwinden der Kultur des kultivierten Diskutierens, des logischen Ausformulierens eines eigenen Gedankenganges, des geselligen Beisammenseins nicht nur zum Zweck der Teilnahme an einem Zechgelagers ("Wetttrinken"). Es ist seht bedenklich, dass, wie der Autor schreibt, selbst der relativ neue Begriff von Netiquette heute als obsolet erscheint. Wenn man sich ein Bisschen auf Chats und Foren herumtreibt, dann merkt man regelrecht, wie die letzten Spuren urbaner Zivilisation und gepflegten Miteinanderverkehrens verschwunden sind. Ich frage mich noch, was passiert, wenn die virtuelle Informaliensgesellschaft die noch relativ ruhigen Arbeitszimmer verläßt und sich auf die Bürgersteige, als "das Ding so zwischendurch" verlagert. Kann man vernünftige Inhalte aus einer Disco oder einem Fussballspiel kommunizieren?
Die PISA-Studie ist zum Absterben verurteilt, wenn es tatsächlich stimmt, dass die junge Generation keine Aufgabe zur Herstellung von Inhalten hat.
(... die gegnerische Seite) ... ist anzuhören. (Römischer Rechtsgrundsatz)
Und insofern ist die Frage völlig berechtigt!
Ich blogge. Also showe ich auf die Wirkung. Also lüge ich.(Mit Erich Kästner nach-gedacht!)
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